Die abendliche oder postpartydepressive Verzweiflung des Singledaseienden kann ja mitunter ihre bunten Blüten treiben. Darunter sind das Herunterladen einer Dating App oder die Anmeldung auf einer entsprechenden Seite – Singlebörsen nannte man sie mal – noch vergleichsweise harmlos. Nichtsdestotrotz ist das Suchen nach Liebe, welcher Art auch immer, in der digitalen Welt immer noch nichts, womit man gerne vor den Arbeits- oder Studienkollegen prahlt. Oft hört man Menschen sich wenig überzeugend verteidigen, sie würden Dating-Apps nur aus Langeweile oder in irgendeiner Weise ironisch nutzen.

Unsinn! Wir nutzen Dating-Apps, weil wir einsam und verzweifelt sind und gleichzeitig oft so müde und asozial, dass wir lieber Zuhause auf der Couch sitzen und aufs Handy gucken als auf die Straße zu gehen. Das machen wir ja sowieso. Denn wenn wir tagsüber auf der Straße sind, fühlen wir uns zu nüchtern, fremde attraktive Menschen anzusprechen und wenn wir nachts im Club stehen, sind wir meistens zu voll. Nun da es endlich Einer zugegeben hat, können wir uns doch einmal Alle zusammen unter die virtuelle Kuscheldecke legen, die Köpfe zusammenstecken und über unsere Strategie nachdenken.
Tinder ist wohl immer noch die bekannteste und in Deutschland am weitesten verbreitete Dating-App, kann aber gerade in Großstädten wie Berlin sehr ermüdend sein. Selbst wenn man ganz viel Zeit hat, Gesichter zu streicheln und seine Likes jeden Tag komplett durchspielt, – ja, die haben in der Basisversion eine begrenzte Anzahl – ist der Algorithmus sehr schwerfällig. Da muss der einzelne der zigtausend User, die Tinder in deinem Umkreis hat erstmal so lange gewischt haben, dass er ebenfalls auf dein Profil gestoßen ist, im entfremdeten Wischrausch spontan angesprochen gewesen sein und die richtige Richtung gewählt haben und dann auch noch den Nerv besitzen, die App zeitnah wieder aufzumachen und regelmäßig seine Nachrichten zu beantworten.

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Die Suche auf Tinder kann mitunter ermüdend sein.

Wenn man tatsächlich an diesem Punkt angekommen ist, sollte es einem halbwegs empathischen und eloquenten Menschen möglich sein, für zwei oder drei Tage zu smalltalken und sympathisch zu wirken und dann nach einem Date zu fragen. Das ist dann nämlich vor lauter Freude darüber, dass man tatsächlich so weit gekommen ist und auch die weiteren Bilder des Gegenübers niemanden dazu veranlasst haben, den Match umgehend wieder zu entfernen, das einzige Ziel, das man verfolgen wird. Von Ehrlichkeit und Kennenlernen kann da nur bedingt die Rede sein. Wenn man kurz vor der Millionenfrage steht, entscheidet man sich ja auch nicht, das bisherige Geld erstmal in Deutsche Bahn-Aktien zu investieren. Bis zum eigentlichen Treffen wird der Online-Dating-Prozess immer sehr oberflächlich sein, vom Prinzip des Gesichterwischens über die Unwahrscheinlichkeit des Matches bis hin zum Chat. Das haben die Masse der Nutzer ebenso wie die Medien, die sich für derlei zeitgeistige Themen interessieren, natürlich längst mitbekommen und ihr Leid kundgetan und es ist wenig überraschend, dass Alle, die jetzt den Einstieg ins Geschäft mit den Gefühlen suchen, darauf Bezug nehmen. Neue Dating Apps, die seit Tinder entstanden sind, haben sich stets zu vermarkten versucht, indem sie behaupten, ihre Funktionsweise dekonstruiere in irgendeiner Weise die von Tinder.

Candidate: Drei Fragen. Keine Antwort.

Candidate ist die Erfindung acht junger Österreicher. „Tiefgang statt Fleischbeschau“, schrieb die Welt. Bevor man Bild und Profildaten des potenziellen Matches einsehen kann, gilt es mit maximal 500 Zeichen drei Fragen zu beantworten, die derjenige gestellt hat. Das erfordert dann im Gegensatz zu Tinder natürlich etwas mehr Energie und Geistesgegenwärtigkeit. Es gibt Menschen, die kleine Essays zu erwarten scheinen. Andere wiederum fragen mich nach dem Lieblingstier und ich habe das Gefühl, wieder zwölf zu sein und in ein Poesiealbum zu schreiben. „Ab wann ist eine Frau für dich eine Schlampe?“, fragt Jasmin. Keine Ahnung. Was soll denn eine Schlampe überhaupt sein? Rückfragen stellen ist leider nicht möglich. Mein Chefredakteur scheint komplett wahnsinnig geworden zu sein und spielt im Glauben, mich zu inspirieren sein persönliches Best of Kuschelrock, während ich an diesem Artikel arbeite. „Dazu haben sich deine Eltern kennengelernt!“, ruft er herüber. Nach Beantwortung der Candidate-Fragen ist wie immer Warten angesagt. Der Quizmaster bewertet meine Ergüsse nach seinem Ermessen und wenn ich ein gutes Testergebnis erreiche, werden mir das Profilbild und die Chatfunktion offenbart und an diesem Punkt ist der Einfluss des Bisherigen auf die Entscheidungsfindung im Einzelfall fragwürdig. Will man derart viele und derart tiefgründige Fragen beantworten, dass man die ernsthafte Hoffnung entwickelt, zu jemandem eine persönliche Verbindung zu verspüren, bevor man wieder auf die Äußerlichkeiten reduziert wird, vergeht einige Zeit. Da kann man schon fast wieder tindern und etwas mehr auf die Statusmeldungen achten. Dass junge Singles gerne reisen, auf Festivals gehen oder Pazifisten sind, ist sehr erfreulich, aber kein Heiratsgrund. Ob ich jetzt ein Bild mit Hund in mein Profil lade oder nach meinem Lieblingstier gefragt werde, nimmt sich recht wenig. Da sich zu den Tageszeiten, zu denen ich die Zeit finde, Dating-Apps zu nutzen, meine Motivation, ausführliche persönliche Texte zu schreiben und mich in das Geschreibsel anderer Menschen emotional zu investieren mitunter in Grenzen halt, gerät das Candidate-Icon auf meinem Handy recht bald in Vergessenheit. Mein Chefredakteur monologisiert inzwischen nonsensische Anmachsprüche mit einem Akzent irgendwo zwischen Rheinischer Büttenredner und Brandenburger Alkoholiker. Meine weibliche Kollegin tut mir ein bisschen Leid. Das Dating mit einer Brieffreundschaft einzuleiten ist also irgendwie anstrengend. Das ebenso langwierige wie oberflächliche Tinderswipen ist mir aber immer noch zuwider. Diese Schnittstelle bearbeitet die App Once.

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  • Once Again!

Once: Immer erste Wahl?

Der Once-User erhält täglich genau einen Vorschlag. Das klingt zunächst wenig effektiv, birgt aber entscheidende Vorteile: Ich werde meinem Prospect zeitgleich vorgeschlagen und genieße 24 Stunden volle Chataufmerksamkeit, ohne auf Zufälle warten zu müssen. Vor Allem aber verspricht Once perfekt auf mich persönlich zugeschnittene Vorschläge, denn die Entwickler haben einen Beruf erfunden: den Matchmaker. Diese modernen Amors übersehen einen nach Alter, Standort und sexueller Orientierung vorsortierten Pool und entscheiden dann, wen sie als geeigneten Partner für mich ansehen. Fast wie Papa früher. Da mich die Matchmaker natürlich auch ganz hervorragend kennen und wahrscheinlich zwei Jahre Ausbildung und mehrere Praktika hinter sich haben, klappt das ganz hervorragend. Mein Chefredakteur summt mir „Du willst immer nur ficken“ von Ganz schön feist ins Ohr. Ich empfinde mich jetzt im Vergleich als stark unter Wert bezahlt. Auch wenn nicht jeder Vorschlag für mein Empfinden ein Volltreffer ist, besitzen Once-User definitiv eine höhere Chatfreudigkeit und bis zum ersten Date dauert es tatsächlich nicht lange. Das Online-Date per se ist eine interessante Angelegenheit, denn es besitzt im Vergleich zum klassischen Kennenlernen von Freundesfreunden, denen man sich sehr natürlich annähern kann oder dem skurrilen Nachtlebenflirt, an den man sich am nächsten Morgen mal mehr, mal weniger gern erinnert, eine besondere Artifizialität. Wir nehmen uns Zeit und sitzen in nervöser Erwartung in einer U-Bahn, um uns dann betont locker über Gott und die Welt zu unterhalten, während wir Beide genau wissen, dass wir uns gerade gegenseitig gedanklich abtasten und analysieren. Diese Situation kann gerade auf Grund ihrer Unnatürlichkeit spannend und reizvoll sein. Wobei die Entscheidung, ob ein Gegenüber wohl die Liebe meines Lebens wird bei mir persönlich eigentlich keine dreißig Sekunden dauert, sobald man sich leibhaftig trifft. Daneben existieren natürlich das Freundschaftsmodell und das Sexmodell, über die jeder Nutzer nach eigenem Ermessen verfügen muss.

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Die Fragen auf Candidate sind mal mehr, mal weniger komplex.

Bei meinem ersten Once-Date treffe ich eine quirlige junge Dame, nennen wir sie Tina, die mit mir Vieles gemeinsam hat. An Hobbies, an politischen Ansichten, sogar bezüglich der Art von Bars und Parties, die wir gerne frequentieren. Wir setzen uns vor einen Späti und führen über viele Stunden und Biere ein sehr angenehmes Gespräch. Ein Traum, verglichen mit meinem letzten Tinder-Date. Damals machte das Mädchen nicht nur schon innerhalb der ersten paar Minuten sehr deutlich, dass sie gerade Hilfe bei der Suche nach einem Zimmer und einer Einkommensquelle in Berlin gebrauchen könnte, sie erzählte unter Anderem auch, dass sie in ihren Träumen Terroranschläge vorhersehen kann und bei ihrer letzten WG-Besichtigung sofort gespürt hat, dass in diesem Haus einmal etwas Schlimmes passiert ist. Derlei Gespräche sind interessant, führen aber dazu, dass ich mich für die Position ihres Sozialarbeiters geeigneter fühle als für die ihres zukünftigen Lebenspartners. Als ich mich dagegen von Tina verabschiede, hatten wir einen sehr schönen Abend. Gleichzeitig ist uns aber Beiden bewusst, dass das gewisse Etwas gefehlt hat und wir wahrscheinlich nie wieder die Energie aufbringen werden, uns zu schreiben. Dementsprechend meiden wir auf den letzten Metern beide die Frage nach einem potentiellen Wiedersehen.

Kein Treffer? Schuld ist immer der Algorithmus

Hier greift leider die letzte Algorithmusschwäche, die jeder Dating-App zum Verhängnis wird, so oft es auch zur Verabredung kommen mag: Ein Bild und zwei Zeilen Profil erhöhen halt selten in hohem Maße die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Treffen zweier realer Personen Chemie entsteht und Funken fliegen. Denn es existiert für ein Kennenlernen nicht nur ein Unterschied darin, ob man sich zuerst sieht oder zuerst kommuniziert, wie es uns Candidate glauben machen will, sondern vor Allem unabhängig davon eine Relevanz des Live-Erlebnisses. Wenn ich im Alltag einen Menschen treffe entscheiden nicht nur entweder Äußerlichkeiten oder die Qualität des Gesprächs darüber, ob ich beginne, mich für ihn zu interessieren, sondern ein zwischenmenschlicher Vibe, der sich irgendwo zwischen derlei Kategorien bewegt und den weder ein Algorithmus noch ein Matchmaker im Vorhinein analysieren kann. Deshalb benötigt der Dating-App-User auf dem Weg zum Ziel vor Allem Eines: Ganz viel Geduld. Gar nicht so anders eigentlich als bei der Suche über Freundesfreunde oder Partys.

Was bleibt: Die Mischung macht's!

Somit bleibt am Ende nur zu sagen: Eine zweigleisige Strategie, die auch das eine oder andere aushäusige abendliche Getränk beinhaltet, ist durchaus zu empfehlen. Das ist mein Fazit. Und wenn der geneigte Leser jetzt demoralisiert schnauft, so als wolle er mir erwidern: „Ja das konnte ich mir auch selber denken! Wozu hab ich jetzt diesen Artikel gelesen? Ich will meine Zeit zurück.“, dann sei ihm hiermit gutmütig auf die Schulter geklopft und vielleicht ein Pick-up Artist empfohlen. Wer sich auf irgendeinem Medium eine perfekte Anleitung für effektives Datingverhalten erhofft, der ist leider selbst Schuld. Man kann halt nicht alles ergooglen. Liebe muss man selbst machen.