Bunt, lustig, extrem – Berlin und seine Wahlplakate

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Wem aufgefallen ist, dass sich in Berlin in letzter Zeit bunte Pappplakate mit Gesichtern und Akronymen darauf häufen, der hat vielleicht schon vermutet, dass er demnächst wieder ein Kreuzchen vergeben darf. Genauer gesagt findet am 18. September die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus statt, die erste Wahl als Spitzenkandidat für den aktuellen regierenden Bürgermeister Michael Müller. Und genauer gesagt gibt es sogar zwei Kreuzchen, denn es ist noch eine Zweitstimme zu vergeben, die sich auf die Wahl zu den Bezirksverordnetenversammlungen bezieht.

Es lohnt sich hier vielleicht, sich von seinen allgemeinen Sympathien und Antipathien einmal zu distanzieren und damit zu beschäftigen, wie die Parteien eigentlich zu den Themen des eigenen Kiez stehen. Der Tagesspiegel hat zu diesem Zweck nach dem Vorbild des Wahl-O-Mat einen Bezirk-O-Mat entwickelt. Da wir nicht die Süddeutsche sind und vermutlich auch nicht jeder unserer Leser jeden Morgen die Süddeutsche liest, haben wir uns entschieden, die allgemeine Wahlkampfanalyse anderen Medien zu überlassen. Stattdessen beschäftigen wir uns mit dem, was uns jeden Tag begegnet und im Regelfall das Ziel verfolgt, den Normalverbraucher und den Politikwissenschaftler gleichermaßen anzusprechen. und das innerhalb weniger Sekunden: Die Wahlplakate.

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Die FDP setzt auf Style over Content.

Wir haben für euch für die größtmögliche Varianz an folgenden Orten in Berlin Wahlwerbung fotografiert und im Anschluss mit beistehenden Menschen philosophiert: In Spandau, am Kurfürstendamm, auf der Seestraße in Wedding, am Südkreuz, am Bahnhof Friedrichstraße, auf der Schönhauser Allee in Pankow, am Oranienplatz, am Herrmannplatz und in der Rigaer Straße.

Über kurz oder lang – Design-Strategien

Die Ausbeute war durchwachsen. Am Kurfürstendamm konnten wir ganze zwei Plakate finden, eines davon ein Großflächenplakat der FDP, das den Kandidaten Sebastian Czaja zeigt und appelliert: "Wählen Sie doch mal jemanden, der etwas verändern will!" Diese Rhetorik, die typische Stammtischaussagen der Politikverdrossenen à la „Es ist ja egal, wen wir wählen, es verändert sich eh nichts!“ aufzugreifen scheint, ist bei den diesjährigen Wahlen sehr beliebt. Bei vielen Kandidaten wird Wert darauf gelegt, zu betonen, dass sie „die Dinge anpacken“ wollen. Es ist zu hoffen, dass ein Großteil der Angesprochenen sich dennoch fragt, was Herr Czaja eigentlich verändern will und welche Dinge wie angepackt werden sollen, bevor das Kreuz gesetzt wird. Als wir Menschen bitten, die Plakatwerbung für uns zu bewerten, fällt auf, dass es schwierig ist, die Balance zu treffen: Ein Plakat kann ein einzelnes Thema herausgreifen, was vor Allem die kleineren Parteien tun. Die Grünen fordern Radwege, Die Linke fordert auf einem Plakat pünktlicher abfahrende Züge. Hierauf merkt immer ein Großteil der Menschen an, dass es an Relevanz fehle, man noch nicht wisse, wofür die Partei steht. Andere Plakate, vor Allem die der Volksparteien, setzen eher auf ein Gefühl und Slogans wie „Aus dem Kiez für den Kiez“ oder „Mit Herz und Verstand“. Diesen wird durch die von uns Befragten gerne Inhaltslosigkeit vorgeworfen. Ein Kompromiss scheint schwierig zu sein, man kann schließlich nicht das vollständige Wahlprogramm auf ein Plakat schreiben und entwirft darum mehrere Variationen eines Designs. Besonders gut kommt hiermit die Kampagne der SPD an. "Berlin bleibt sozial", "Berlin bleibt schlau", "Berlin bleibt weltoffen." In der Headline verändert sich nur das Adjektiv, das mit einem Rechteck gerahmt ist. Ein älterer Herr an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche spricht von der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Bevölkerung und findet das Design deshalb klug gewählt. Jedes Plakat spricht nicht nur ein Thema, aber zumindest einen Themenkomplex an und findet scheinbar das zeitgemäße Mittelmaß an Tiefgang.

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Simple but effective: Die SPD setzt Akzente.

Um den Bahnhof Friedrichstraße häufen sich Plakate der Alternative für Deutschland und ein sehr auffälliges Design der Jungen Sozialen, das auf diese Bezug zu nehmen scheint. Ein Oberkörper mit Einhornkopf kotzt Regenbogenfarben auf das Wort "Alternative". Ungewöhnliche Designs finden sich vor Allem in der Werbung der Piraten, einmal aber auch ausgerechnet bei der CDU, die in Pankow ein sehr buntes gezeichnetes Plakat an Stelle der üblichen tiefenunscharfen Fotos der Kandidaten platziert hat. Die sehr auf Humor getrimmten Plakate der Piraten kommen bei den jungen Menschen, die wir befragen, größtenteils gut an, werden aber mitunter als zu albern empfunden. Ältere Menschen haben Probleme, die Anspielungen auf Internetphänomene zu verstehen oder fühlen sich von den Inhalten nicht angesprochen. Das Design „Grumpy Cat against Racism“ assoziiert eine Dame mit einer alten Kaffeewerbung. Das Plakat mit der Aufschrift „Hier könnte ein Nazi hängen“ der Satire-Partei Die PARTEI überzeugt selbst die jungen Menschen nicht. Kaum jemand empfindet den Spruch als besonders geistreich, mancher sogar als zu extrem. Der Preis für die ungewöhnlichste Layout-Entscheidung geht an die Partei für Gesundheitsforschung, die auf einem Plakat ganze 46 Zeilen Text in entsprechend kleiner Schriftgröße untergebracht hat. Kein Einziger der von uns befragten Menschen wollte sich die Mühe machen, das zu lesen.

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Content over Style: Hier muss man Zeit mitbringen.

In vielen Bezirken des Westens machen sich die Parteien abgesehen von den Bildern der Bezirksverordnetenkandidaten wenig Mühe, ihre Werbung auf den Kiez anzupassen. Seien es die Piraten, die SPD, die AfD und sei es in Pankow, Schöneberg oder Spandau, die Designs sind die selben. Ausgerechnet die rechtsextreme Kleinpartei Bürgerbewegung pro Deutschland verwendet ein Plakat mit einem großen Herz, das dann den Namen des jeweiligen Kiez enthält. Das ist zwar wenig kreativ und nochmal inhaltsleerer als „Mit Herz und Verstand“ – eine Komponente scheint nämlich zu fehlen – , spricht aber die Alteingesessenen des Viertels womöglich an. Ganz neue Designs entdecken wir dann plötzlich in Kreuzberg. Themen der Diversität werden hier mit Vorliebe bedient, es geht auf unserer Wanderung vom Moritzplatz zum Oranienplatz fast ausschließlich um die Integration von Migranten, die Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften und die allgemeine Freude an der Vielfalt. Auffällig ist auch, dass die Bezirksverordnetenkandidaten fast aller Parteien hier türkische Namen haben. Die rechtsextremen Parteien werben dagegen kaum.

Ist das noch Werbung? – Placement-Strategien

Dabei provozieren die eigentlich gerne. Direkt vor dem besetzten und im Moment rund um die Uhr von der Polizei umstellten Haus mit der Nummer 96 in der Rigaer Straße finden sich, so weit oben am Laternenpfahl wie möglich, zwei Plakate von pro Deutschland, das eine proklamiert „Mehr Polizei, mehr Sicherheit“, das andere fordert „keine rechtsfreien Räume in Friedrichshain und Kreuberg“. An der Ecke Seestraße/ Müllerstraße in Wedding, die als eine der kriminellsten Gegenden Berlins gilt und zum Beispiel die Gullydeckel-Bande beheimatet, wirbt die AfD mit der Forderung „Polizei und Justiz stärken gegen Banden und Extremisten!“ Diese Plakate werden den Parteien eher wenige neue Wähler bringen. Die Idee hinter einer solche Strategie kann eigentlich nur zur Hälfte Wahlwerbung sein, zur anderen Hälfte Aktionismus. Kleinparteien anderer Gesinnung gehen so nicht vor, die Kommunistische Partei Deutschland wirbt nicht mit Vorliebe vor dem KaDeWe. Die wirbt dort überhaupt nicht, sondern in Neukölln, wo ihr potentielles Klientel wohnt. Die Reaktionen auf die Plakate, die durch erhöhte Polizeipräsenz die Sicherheit verbessern wollen, drückten im Übrigen häufig ein Gefühl von Eingeschüchtertheit aus, also das absolute Gegenteil eines Sicherheits-Gefühls.

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Provokante Platzierung: Dieses Plakat hängt direkt vor der Rigaer Straße 96

Am Frankfurter Tor bietet sich ein interessantes Bild in Form eines pro Deutschland-Plakats, das unmittelbar über der "Grumpy cat against racism" der Piraten hängt. Darauf zeigen die Designer zum Slogan „Hauptstadt der Angst? – Nicht mit uns!“ eine vermummte Gestalt, die in Richtung der Kamera greift. Die beiden hier beworbenen Parteien vertreten offensichtlich sehr unterschiedliche Ideen zum Thema Diversität, verwenden dabei aber Beide einer sehr ikonografische Bildsprache. Die Grumpy Cat ist ein Internetphänomen und soll der Kampagne der Piraten einen humoristischen Ton geben, während pro Deutschland bezüglich der Pose und der Kadrierung mit einem Motiv arbeiten, das man aus Horrorfilmen oder Comics kennt, hier aber offensichtlich überhaupt nicht humorvoll reproduziert wird, sondern einschüchtern soll. Besonders irritierend ist ein Plakat der AfD, die wohl neue Wählergruppen erschließen will. Am Nollendorfplatz, dem westlichen Zentrum der Lesben- und Schwulenszene Berlins wird im Moment regelmäßig mit einem Laster ein mobiles Plakat präsentiert, das argumentiert, gerade Homosexuelle müssten ein Problem mit muslimischen Einwanderern haben – auf Grund deren konservativen Denkens über queere sexuelle Orientierungen. Mehrere Menschen gaben aber im Interview an, dass sie auf Grund der Textmenge und der inhaltlichen Komplexität zunächst den Eindruck gewannen, die AfD werbe für die Homoehe. Wenn das ja indirekt sogar der Fall ist und in der Irritation der islamophobe Teil untergeht, wird das Parteiprogramm hier wohl auf mehreren Ebenen missinterpretiert. Unsere Interviewpartner am Nolli waren sich sicher, dass die AfD nicht wirklich eine homofreundliche Partei ist.

Ihr da draußen interpretiert und analysiert indes hoffentlich alles richtig. [030] wünscht frohes Wählen. Zum Abschluss präsentieren wir noch unsere Lieblingskommentare aus den Straßeninterviews:

"Ich hab zuerst Werder gelesen. Das sieht aus wie eine Flasche Werder Ketchup."
"Ich hab zuerst Werder gelesen. Das sieht aus wie eine Flasche Werder Ketchup."

"Gibt es auch ein Plakat mit dem Joint?"
"Gibt es auch ein Plakat mit dem Joint?"

"Die CDU ist ein bisschen wie der FC Bayern, die brauchen einfach gar keine innovative Kampagne."
"Die CDU ist ein bisschen wie der FC Bayern, die brauchen einfach gar keine innovative Kampagne."

cdu, frank henkel, wahl, 2016
"Das sieht ja aus, als ob der Junge ihm einen bläst. Darf ich das fotografieren für mein Instagram?"