„Contemporary Art“ als Produkt – das ist nicht neu. Zunehmend überformen jedoch kapitalistische Tauschstrukturen die Kunst. Bis zum 20. August setzt sich die Gruppenausstellung „Transaktionen“ im Haus am Lützowplatz mit der Entwicklung auseinander. Wir sprachen mit Kurator Dr. Marc Wellmann über die Beziehung von Kunst und Kapital.

Dr. Wellmann, unter welchem Aspekt haben Sie die Objekte für die Ausstellung zusammengestellt?

Unter dem Bewusstsein und dem Unwohlsein, wie viel Bedeutung der Markt im Kunstbetrieb gewonnen hat. In den letzten Jahren ist unglaublich viel Geld auf dem Kunstmarkt gekommen und das Produkt „Contemporary Art“ wird immer mehr als Investment propagiert. Damit einher geht ein neuer Blickwinkel auf die Kunst als Medium.

Sind die Inhalte noch relevant, wenn die Bedeutung des Preises, den Kunst erzielt, dominant ist? Oder anders gefragt: Was macht das mit dem Künstler, der diese Entwicklung im Hinterkopf hat?

Das ist eine wichtige Frage der Ausstellung: Inwieweit wird Kunst von den Markterfolgen geformt und getrieben und wie verändert das unsere Wahrnehmung von Kunst? Michel Houellebecq hat 2010 gesagt, der Markterfolg ersetze sämtliche Theorien. Wir haben dieses Zitat als Einleitung für die Ausstellung genutzt.

Wie reflektieren die hier ausgestellten Objekte die Fragestellungen?

Das geschieht auf unterschiedliche Weise. Wir haben hier beispielsweise die Bar einer Schnapsbrennerei, die als Unternehmen gegründet wurde. Sie tritt als  Hauptsponsor auf und hat gleichzeitig das Recht, sich als Künstler in die Ausstellungsliste einzufügen. Ein ganz realer, ernst zu nehmender Messestand – gleichzeitig aber auch eine Installation.

Weitaus erschütternder hingegen zeigt Santiago Sierras ausgestellte Tattoowierungsaktion von 1999,  dass man mit Geld alles erkaufen kann.

Ja, man sieht sechs Kubaner mit dem Gesicht zur Wand, die die längste Tattoo-Linie der Welt tätowiert bekommen. Wanderarbeiter, die Sierra auf der Straße angesprochen hat – die an diesem Tag keinen Job bekommen haben. Für den Gegenwert des Tagelohns hat er sie dazu gebracht, ihren Körper für etwas Fremdes zu verkaufen. Die Empörung, die man als Betrachter empfindet, ja empfinden muss, ist in das Konzept eingebaut. Er selber sagt, die Tätowierung sei nicht das Problem, sondern die Umstände, die es erlauben, das zu machen. Und damit die extreme Wertsteigerung.

Ebenfalls viel diskutiert ist die Schokoladen-Skulptur, die im Mittelpunkt der Ausstellung steht – initiiert von Renzo Martens. Was hat es damit auf sich?

Es handelt sich um einen Guss, der schon in New York im Skulpturen Center gezeigt wurde. Das Original wurde in Kongo auf einer Plantage aus Flusslehm von Arbeitern einer Kakao- bzw. Palmölplantage gefertigt. Seither geht die Skulptur hochpreisig um die Welt. Man kann das als Aufwertungsprozess sehen, der den Plantagenarbeitern helfen soll, sich von ihrer Lohnabhängigkeit sich zu emanzipieren – mit den westlichen Mitteln von zeitgenössischer Kunst.

Armut wird also nach postkolonialer Logik zur Ressource?

Belgien und Niederlande sind die ehemaligen Kolonialmächte im Kongo, die diese Plantagen überhaupt errichtet haben. Am Ende soll das Ganze aber ein Ermächtigungskonzept sein, der in eine Selbstständigkeit führt. Das funktioniert. Die Plantagenarbeiter haben inzwischen ein eigenes Stück Land, auf dem ein neues Dorf mit Ateliers, Gemeinschaftsräumen und einer Kunsthalle, entsteht. Die Kunstwerke sollen dann zurückgeführt werden.

Im Ganzen betrachtet stellt „Transaktionen“ belustigende Werke neben empörende und jedes Objekt gibt seine eigene Antwort. Wie soll der Betrachter damit umgehen?

Nun ja, es kann den Besucher anregen, sich seinen eigenen Gedanken zu machen. Es geht darum, mit den Exponaten einzelne Fenster aufzumachen, die zur Reflexion der eigenen Stellung im wirtschaftlichen Finanzsystem einladen.

Transaktionen
1.6. bis 20.8., Haus am Lützowplatz
Di – SO 11 bis 18 Uhr

Foto: © Santiago Sierra. VG Bild-Kunst, Bonn 2017