Enoq, Jakarta, Berlin

»Scheiß mal auf Genres!« – Enoq im Interview

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Südberliner Enoq hat sich für den Griff nach der Rapkarriere bis Mitte 30 Zeit gelassen. Das Debütalbum "Zu schön um klar zu sein" erzählt verspielt und eingängig vom täglichen Kampf um die geistige Gesundheit. Wir treffen uns auf ein kühles Blondes.


Was macht ein Untergrundrapper vor dem Feierabendbier?

Ich arbeite in einer Buchbinderei als Maschinenführer. Vollzeit, 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Das klingt ja schon bodenständiger als das Leben zwischen Kneipe und Gelegenheitsjob, von dem du auf der Platte berichtest.

Viele Lieder sind schon etwas älter. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann von Hartz in Verbindung mit einem Minijob gelebt. Irgendwann wurde mir das aber zu anstrengend, die Amtgeschichten, die Geldsorgen. Jeden Scheiß musst du erklären, selbst das Weihnachtsgeld von Oma.

Hast du die Hoffnung, dass durch die Mucke ein bisschen Geld reinkommt?

Ich würde mich freuen, wenn man irgendwann von der Musik leben kann. Ich bin aber kein Träumer mehr, wie man es mit 19 war. Ich bin 34 und habe immer Mucke gemacht und werde immer Mucke machen. Um die Miete zu bezahlen, habe ich aber lieber meinen Job.

Gerade zum Debütalbum ist aber ein bisschen Erwartungshaltung da, oder?

Ein bisschen Erwartungshaltung hat jeder. Es ist aber zwiespältig. Ich will, dass es den Leuten gefällt, ich gebe aber auch einen Fick, ob es den Leuten gefällt. Ich habe auch bemerkt, dass vor Allem Leute aus der Szene mit meiner Musik etwas anfangen können, aber die relevanten Konsumenten zwischen 17 und 22 eher weniger. Ich kann aber keine Musik machen, nur um zu gefallen.

Du beginnst das Album mit der Zeile „Rap ist alle Anderen scheiße finden.“ Ein Reminder an die kuschelnde Szene?

Früher hieß es: „Ach, du machst auch Mucke? Woher kommst du? Aus Berlin? Fick dich!“ Es gibt auch heute noch Leute, die hassen, aber viel mehr, die sagen: „Like du meine Seite, dann like ich deine Seite.“ Das finde ich falsch. Wenn ich etwas nicht feier, dann like ich auch nicht.  Man sollte die Courage haben, ehrlich zu sein und das sollte einem dann auch keiner übel nehmen.

Wie bist du bei Jakarta untergekommen? Du fällst musikalisch etwas aus dem Raster.

Yassin hat mich angerufen, bei dem hatten die Jakarta-Jungs sich gemeldet, um zu fragen, ob er meine Nummer weitergeben darf. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, obwohl wir ganz unterschiedliche Menschen sind. Die sind für mich ein bisschen zu öko, ich bin für die wahrscheinlich der Straßenprolet. Was ich an ihnen aber zu schätzen weiß: Sie arbeiten wirklich nur mit demjenigen zusammen, der ihnen musikalisch gefällt und nicht mit dem sie hoffen, viel Geld zu verdienen. Das war mir wichtig.

Es erfordert ordentlich Selbstbewusstsein, als Rapper eine Liebesballade wie „Pausenbrot“ oder „Raus aus meinem Kopf“ zu singen, ohne die Miene zu verziehen. Ist dir bewusst, dass du dich dadurch von Kollegen abhebst?

Darüber denke ich nicht nach. Es ist immer stimmungsbasiert, was passiert. Ich setze mich nicht hin und sage: „Ach, ich habe noch keinen Kiffersong gemacht, ich sollte einen Kiffersong schreiben!“ Als ich keinen Job hatte und viel getrunken habe und abgefuckt war, habe ich das thematisiert. Als ich dann eine süße Maus kennen gelernt habe, ist „Raus aus meinem Kopf“ entstanden.

Sind Rap und Gesang für dich eins?

Es ist sehr beatorientiert. Der Beat muss mich ficken. Manchmal sitze ich bei Leuten im Studio und höre reihenweise super produzierte Beats, aber die ficken mich nicht und dann hören wir nur beiläufig eine Skizze und ich schreie Stop! Und wenn ich zum Beat sofort beginne, vor mich hinzusummen und eine Melodie zu entwickeln, dann muss es eben das sein.

Spiegelt sich das in deinen Einflussgrößen wieder?

Wahrscheinlich. Ich habe früher schon neben HipHop auch viel R’n’B gehört, Boyz 2 Men oder BLACKstreet. Ist halt Musik. Scheiß mal auf Genres! Wie man so schön sagt: Ein guter Song ist ein guter Song. Und wenn die Kinder tanzen, ist es ein Hit.

Ist das Debütalbum eine Art Werkschau, in die dein gesamtes bisheriges Leben einfließt?

Ich habe alles, was in meinem Leben passiert ist wie ein Schwamm aufgesaugt und da reingesteckt. Es werden Dinge thematisiert, die sind in der Mittelschule passiert und Dinge, die jetzt passieren. Jetzt fühle ich mich ein bisschen wie an einem Punkt Null, an dem ich Einiges rausgelassen habe und neu beginne.

Verfolgst du einen „Schreiben ist Therapie“-Ansatz?

Definitiv. Das passiert aber automatisch bei jedem Hobby, mit dem man sich vom Alltag ablenkt, und bei der Kunst umso mehr. Andere Leute gehen zum Psychiater, ich kann mich auch so auskotzen.

Prägt die Berliner Straße deine Musik?

Man liebt und man hasst seine Stadt. Wenn ich aus dem Haus komme und muss schon wieder über den Penner steigen, hier prügeln sich zwei und dort steht die Prostituierte, dann bin ich abgefuckt. Aber die Umgebung formt einen immer und auch unterbewusst. Ich bin Berliner, aber ich muss das auch nicht raushängen lassen.

Ist es dir wichtig, Produktionsangelegenheiten in der Family zu halten?

Das spart natürlich Geld, kostet aber auch viel Arbeit. Ich würde mich gerne mal einfach abfilmen lassen und zwei Wochen später das fertige Video bekommen. So muss ich jeden Tag nach meiner Vollzeitschicht noch ins Studio und schneide dann dort bis Mitternacht und um halb 6 klingelt wieder der Wecker. Das schlaucht schon. Andrerseits gebe ich das Ruder ungern ab. Entweder bau ich selbst Scheiße oder es wird gut.

Enoq, Jakarta, Berlin

Vom 41er zum 61er: Die Südberlin-Squad

Mit Zwang, Ipp und Weskone bildet Enoq, obwohl inzwischen nach Schöneberg umgezogen, nach der alten Steglitzer Postleitzahl die 41er. Beatbastler Swosh Hood produziert fast ausschließlich für die Fam, auch Musikvideos entstehen in Eigenregie.

  • »Ipp ist mein kleiner Bruder von einer anderen Mutter, wir sind zusammen aufgewachsen. Er rappt nicht, aber er kann gut singen. Wir haben beide Mediengestalter Bild und Ton gelernt und nutzen das, um unsere Videos selbst zu produzieren. Er macht dann die Kamera und ich schneide.«
  • »Zwang kenne ich seit Anfang der Oberschule, er ist Lichterfelder, also eigentlich 46er. Weskone kenne ich über Serk, der auch 41er ist und für Bass Sultan Hengzt produziert.«
  • »Swosh Hood habe ich relativ spät kennen gelernt, er ist ein guter Kumpel von Zwang. Er ist niemand, der Beats verschickt. In der Regel setzen wir uns zusammen, suchen gemeinsam das Sample raus und jammen uns zu einem Song.«


Enoq – Zu schön um klar zu sein
Label: 
Jakarta Records
Erscheint am: 20.01.
Online erhältlich: Amazon / iTunes

Enoq, Jakarta, Berlin