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Ali As: »Ich habe eine exotische Stellung im Deutschrap!«

in Interviews/Musik

Preis: EUR 11,19
Der Münchener mit dem 1er-Abitur hat sich längst zu einem der vielseitigsten Wortakrobaten der Republik gemausert – bringt hier einen Track mit Kollegah, dort einen mit Money Boy unter einen Hut. Mit „Insomnia“ schließt Ali As eine Trilogie ab, die seine Rap-Karriere maßgeblich vorangetrieben hat.

Die Trilogie! Immer ein gutes Mittel, um dieses Franchise-Gefühl zu erzeugen und einem Werk Größe zu verleihen.

Cool. Das war gar nicht so geplant, sondern hat sich mit der ersten Platte ergeben, weil der Titel „Amnesia“ so ein guter Überbegriff war. Böse Zungen würden vielleicht darüber lästern, dass ich schon wieder so eine Begrifflichkeit verwende, aber es sind im Prinzip verschiedene Schattierungen einer Farbe, oder Nebenstraßen, die man erforscht und sich trotzdem noch in eine Richtung bewegt. Die zweite Platte hat sich stark von der ersten unterschieden. Das ist auch bei zweiten Teilen von Film-Trilogien oft so und der dritte Teil nimmt dann noch mal alle Elemente und mischt sie neu. Daran haben wir uns ein bisschen orientiert.

Die Trilogie umspannt die Phase, in der sich deine Karriere zumindest nach außen am meisten entwickelt hat. Hat sich viel verändert zwischen Teil eins und Teil drei?

Man könnte sogar sagen, dass es eine Spannungsmaus gibt, wie man sie so schön nennt. Der Peak war letztes Jahr, als mit „Lass sie tanzen“ ein Song krass ausgebrochen ist. Unsere Entscheidung war dann, das Feeling der ersten Platte mit dem Handwerkszeug der zweiten Platte zu verbinden. Wir wollten nicht möglichst viele Songs zu machen die wie dieser Hit klingen. Es sind auch solche Elemente dabei, aber nicht so mit dem Brecheisen. Ich kenne ja die Sheets, die ich von Major Labels bekomme, wenn ich für andere Leute schreibe, auf denen dann steht: „Sucht etwas wie Hit xy“. Ich bin immer schon mehr Künstler gewesen als Business Consultant. Für andere Leute kann ich das gut, aber an mich selbst habe ich zu hohe Ansprüche, die mich behindern.

Wenn man eine Trilogie beschließt, will man dann unbedingt Alles noch unterbringen, was Teil der Künstlerfigur ist?

Ich habe eher das Gefühl, es waren alle Facetten auch bei der ersten Platte schon da, aber noch nicht so ausgeprägt. Selbst das Trap-Zeug, das jetzt sehr en vogue ist, hatten wir schon auf der EP davor. Ich war einer der Ersten, die 2008 schon ein Album mit Autotune vollgehauen haben und habe dafür natürlich nur Hass kassiert. Jetzt geht es darum, einen coolen Mittelweg zu finden. Es wäre uncool gewesen, wenn die 2017er Platte genauso klingt wie die 2014er Platte. Deshalb: Das Gewand ist einen Tick anders, aber der Typ, der es präsentiert, ist immer noch der selbe.

Wehrst du dich gegen Old School / New School-Schubladen? Da du textlich komplex, aber musikalisch gar nicht so ein Rucksack-Typ bist, sitzt du da oft zwischen den Stühlen.

Ich bin so etwas wie der „Daywalker“ Blade. Ich bin ein New Schooler mit einem alten State of Mind. Ich weiß, wessen es bedarf, um die Leute zu befriedigen, die damals extrem auf Lyrics geachtet haben. Ich muss diese Karte aber nicht permanent spielen. Man darf die Leute nicht erschlagen. „In der Kürze liegt die Würze“ ist das Schwierigste beim Schreiben und gerade haben die Leute Bock, so wenig wie möglich nachzudenken. Ich bin eigentlich sehr detailverliebt und perfektionistisch. Das muss man einfach mal ablegen. Deshalb hatte ich oft das Feedback, dass die Leute Sachen, die ich umsonst rausgeballert habe am meisten gefeiert haben.

Das verblüffendste Beispiel ist die Tatsache, dass du etwa ebenso häufig mit Kollegah und mit Money Boy zusammengearbeitet hast, die zwei absolute Gegensätze auf dem Spektrum zwischen Perfektionismus und Lockerheit sind.

Lustigerweise hat der Song mit Kollegah, der jetzt auf dem Album ist den selben Beatmaker wie „Wach“ mit Why SL. Ghostrage, ein Produzent als L.A. Manchmal ist Deutschland vom Sound her etwa zwei Jahre hinterher, deshalb versuchen wir so nah wie möglich an der Quelle zu sitzen. Vermutlich gibt es wirklich niemanden sonst, der das machen würde und dann auch so dazu stehen.

Wenn man mit seinem ganzen Team auf Kalifornien-Reise geht, um das Album zu produzieren, geht es da um den Vibe, den Ausbruch aus der verkopften Komfortzone?

Guter Punkt. Dazu kommt, dass man nicht so abgelenkt ist, weil man in einer anderen Zeitzone ist. Allein dadurch, dass man nicht die ganze Zeit WhatsApp-Nachrichten und E-Mails bekommt, kann man Abstand gewinnen und von außen besser betrachten, wo man sonst immer involviert ist. Das letzte Jahr war todesstressig. Ich habe 70 Shows gespielt, das sind 140 Tage, die ich nicht Zuhause bin, plus Promotermine. Danach braucht man eine Zeit, um zu realisieren, was Alles passiert ist. Deshalb auch der Titel „Insomnia“. Ich habe kaum geschlafen letztes Jahr. Vielleicht mal drei Stunden.

Ein weiterer Effekt dessen, die Videos in den Staaten zu drehen oder deine Liebe für Filme zu verarbeiten, ist, dass man es nicht sieht und sofort denkt: „Ah, ein Deutschrap-Video!“

Darin liegt aber auch eine Gefahr. Ich habe eine exotische Stellung im Deutschrap. Arbeite ich jetzt mit Kollegah oder Why SL oder Namika? Ich mache es denn Leuten nicht einfach. Sie können mich in keine Schublade stecken. Das aber gar nicht willentlich. Ich hätte auch ein stupideres oder ein noch schlaueres Album machen können, aber dann würde es meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden.

Du hast schon erwähnt, dass das nächste Projekt wieder ein Mixtape werden soll. Ist das Ausdruck von Lust, zu experimentieren?

Experimentieren impliziert, dass man sich finden muss. Es geht eher darum, mal wieder etwas aus dem Ärmel zu schütteln. Das muss nicht einmal schnell gehen, man kann auch in Zeitlupe etwas aus dem Ärmel schütteln. Es geht darum, sich nicht viel Kopf zu machen. Das macht auch am meisten Spaß. Manchmal macht die Album-Arbeit schon keinen Spaß mehr, weil man so perfektionistisch ist. Einfach Sprachnotizen und Freestyles und Produzieren.

Wenn man sich deinen Output ansieht, bist du vermutlich kein Mensch, der Schreibblockaden kennt.

Tatsächlich nicht. Es gibt aber Phasen, in denen ich einfach nicht schreibe. Weil ich weiß, gerade ist nicht die Zeit dazu. Das ist auch wichtig, denn wenn man dann wieder anfängt, ist man woanders. Das Schreiben darf keine Fließband-Arbeit sein, sonst beginnt man sowohl in der Form als auch im Inhalt, sich zu wiederholen. Man braucht erstmal wieder Input.

Ist das Live Game für dich ein Major Key auf dem Weg zum Rap-Erfolg?

Das ist es für mich geworden. Ich habe einfach die letzten zwei Jahre unheimlich viel gespielt. Ohne Backup und ohne Pause zwei Stunden zu performen, das muss man erstmal finden heutzutage. Auch wenn man das nicht tut und sehr viel auf Spektakel setzt, kann das funktionieren. Man sollte aber grundsätzlich erstmal ohne Spektakel in der Lage sein und dann kann man anfangen, mit Effekten zu spielen.

Ali As – Insomnia
VÖ: 30.6. Embassy of Music
Online erhältlich: iTunes / Amazon

Live am FR 6.10. ab 19 Uhr im Musik & Frieden