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Underworld, Barbara, 030 Magazin

»Acid House erfüllte das Versprechen, das Punk nie einlöste« – Underworld im Interview

in News

In eurer Biografie wird die Art wie du singst als halluzinogener Monolog bezeichnet. Woher kommt das?

Es ist manchmal echt seltsam, wie die Leute das beschreiben, was ich mache. Ich habe Synästhesie. Als ich noch trank, dachte ich, ich würde halluzinieren, aber nachträglich stellte sich heraus, dass es nicht so ist. Ich sehe und erfahre die ganze Zeit Dinge, die für mich und meine Sinne sehr real sind. Das ist schon immer so, seit ich ein kleines Kind bin, nur wusste ich damals nichts darüber. Erst als ich anfing als Maler in Galerien zu arbeiten, frage mich jemand, ob ich Synästhetiker bin.

Bei dir verschmelzen verschiedene Sinneswahrnehmungen: Wenn du Musik hörst, dann siehst du gleichzeitig auch Farben.

Ja – oder Schatten.  Gebäude reden buchstäblich mit mir. Wörter kommen aus Gebäuden raus. Ich sehe das wirklich.

Und so entstehen deine Texte?

Ich habe eine Disziplin entwickelt: Jeden Tag verbringe ich morgens eine Stunde in einem Café, beobachte und schreibe über die Erfahrungen, die ich in diesem Raum mache. Ich sehe mich um und wähle aus, entscheide was mich interessiert von den Eindrücken, die auf mich einwirken. Ich nehme Verbindung auf zu den Dingen, die um mich herum sind und mich anturnen. Über die letzten 25 Jahre habe ich manchmal die Unterhaltungen von Leuten aufgeschrieben oder das, was sich vor mir gerade ereignet. „Born Slippy“ ist die Geschichte einer Fahrt durch ganz London, wie die Punktanschnitte eines Stadtplans, denen man folgen kann. Bei den Texten zum neuen Album habe ich das ähnlich wie bei meinem Foto-Blog gemacht. Ich mache diesen Blog jetzt seit 16 Jahren. Auch da wähle ich Eindrücke aus, die mir begegnen, und poste täglich Fotos, die ich wie Skulpturen von Stadtlandschaften mache. Rick sagte zu mir, mach deine Texte diesmal wie deine Fotos. Denk nicht an Geschichten oder Unterhaltungen, die du hörst, sondern denk dabei an Skulpturen. Brich die Fragmente auf das herunter, was du beobachtest und verlinke sie mit dir. Ich habe damit vor 25 Jahren angefangen, weil ich nicht artikulieren kann, wie ich mich fühle. Es ist wirklich hart für mich, meine Gefühle auszudrücken, ohne dass sie klischeehaft klingen. So habe ich mich dafür entschieden, meine Gefühle mit den Dingen auszudrücken, die ich zusammensammle: Hier ist meine Kollektion und sie wird dir etwas über mich sagen.

In dem Album-Song „Motorhome“ singst du die Zeile: „Keep away from the darksides“. Was meinst du damit?

Dieser Song ist wie ein Notiz an mich selbst. Wahrscheinlich habe ich mich an dem Morgen, als ich das in dem Café schrieb, sehr dunkel und verzweifelt gefühlt. Und es gibt immer mehr als nur eine dunkle Seite, die dich runterzieht.   

Underworld, Barbara, 030 Magazin
Haben sich immer noch lieb: Karl Hyde und Underworld Kollege Rick Smith.

In einem Interview von dir habe ich gelesen, dass du Ende der 90er Jahre mit dem Trinken aufgehört hast. Meinst du mit diesen dunklen Seiten, von denen du dich fernhalten sollst, vielleicht Alkohol und Drogen?

Ich habe nie Drogen genommen – ehrlich. Das versichere ich dir! Meine Kinder, die jetzt Teenager sind, glauben das auch nicht, aber es stimmt wirklich. Allerdings war ich ein praktizierender Alkoholiker, das muss ich zugeben. Ich bin jetzt seit 18 Jahren trocken. Zuerst war das wirklich beängstigend, weil ich dachte, der Alkohol sei meine Muse und ohne wäre jetzt alles vorbei für mich. Aber ich hatte einfach keine andere Wahl. Und für eine Zeitspanne war dann wirklich alles weg, ich hatte nichts mehr. Aber eines Tages, während einer langweiligen Autofahrt auf dem Beifahrersitz, waren meine Sinne plötzlich wieder angeschaltet. Das war echt psychedelisch. Die Farben um mich herum fingen an zu tanzen und zu vibrieren. Von diesem Moment an macht es klick bei mir. Ich wurde gewahr, dass mehr Informationen in der Welt da draußen sind, als wir erlauben in uns reinzulassen.

Mit dem Alkohol komplett aufzuhören war für dich offensichtlich ein richtig guter Move. Und trocken zu bleiben, ist sicher nicht einfach, gerade für einen Musiker.

Das war großartig für mich. Aber es hängt auch davon ab, von was du dich angezogen fühlst. Und ich finde das nicht mehr attraktiv. Ich weiß, wenn die Leute sich ein wenig betrinken wollen, dann machen sie das, um sich gehen lassen zu können. Ich ziehe mich dann einfach zurück und lasse sie eine gute Zeit haben. 

Als trockener Alkoholiker kann man nicht mal mehr einfach nur so ein Glas Wein trinken, ohne rückfällig zu werden.

Ja, aber ich brauche das auch nicht mehr. Ich brauche nicht mehr diese Blase um mich herum. Ich brauche nichts mehr, was zwischen mir und der Welt steht. Ich habe getrunken, um die Welt von mir wegzuschieben. Ich wollte einen ruhigen Ort haben, weil da einfach zu viel Krach in meinem Kopf war. Ich musste damit fertig werden in der Welt zu sein. Was ich mir damit geschaffen habe, war ein sehr einsamer Ort. Jetzt will ich aber den direkten Kontakt mit der Welt, weil das wirklich cool und stimulierend ist. Und ich will das alles aufschreiben, so schnell wie möglich.

Underworld werden assoziiert mit der britischen Rave-Kultur der 90er-Jahre. Nächstes Jahr wirst du 59 Jahre alt. Fühlst du dich immer noch wie ein Raver?

Das habe ich nie getan. Ich fühle mich eher wie ein Außenseiter. Rave-Kultur war für mich das, was Punk versprochen hatte. Acid House erfüllte das Versprechen, das Punk nie einlöste. Es war eine echte Outsider-Kultur, die sich eigenständig hielt und keine Musikindustrie brauchte. Sie brachte genug Geld für Tausende Leute, die davon leben konnten. Das Eigenständige war das Aufregende. So fühle ich mich eher als Teil einer Outsider-Kultur. Dance Music und die ganze Rave-Szene gab uns die Möglichkeit, uns auszudrücken und eine Karriere zu haben, weil wir niemals vom Mainstream akzeptiert worden wären. Damals gab uns die Plattenfirma keine Chance. Sie machten das ganz klar und sagten zu uns: Schmeißt den Sänger raus, wenn ihr diese Art von Musik machen wollt, holt euch einen Schlagzeuger und seid eine richtige Band.

Ganz schön blöd von der Plattenfirma.

Ja (lacht). Aber aus Respekt muss ich sagen: Die Person, die das damals zu uns sagte, hat sich inzwischen öffentlich dafür entschuldigt, was ich echt cool finde.

Underworld “Barbara Barbara, We Face a Shining Future“ erscheint am 18. März auf Caroline International/ Universal Music. 

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