Toro, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale, 030 Kino, berlin

66. Berlinale: Toro

in Berlinale 2016/Filmkritik

„Toro“ ist der Diplomfilm von Martin Howie von der Kunsthochschule für Medien in Köln, welcher die Geschichte von Victor (Miguel Dagger) und Piotr (Paul Wollin), der „Toro“ genannt wird, in Schwarz/Weiß erzählt. Dies bezieht sich jedoch tatsächlich nur auf die Bildfarbe, denn inhaltlich ist es schwer auszumachen, wer hier eigentlich gut und wer schlecht ist.

Die Beziehung der beiden jungen Männer, die ihr Geld mit Prostitution verdienen, scheint asymmetrisch: Toro verfolgt seinen Traum, mit dem seit vielen Jahren erspartem Geld in sein Heimatland Polen zurück zu kehren und eine Boxschule zu eröffnen. Er möchte Victor unbedingt integrieren, doch scheint dieser nach etwas anderem zu suchen und momentan zu verstrickt zu sein in den Kreislauf aus Geldverdienen durch Prostitution, Drogenbeschaffung und den Versuch, der Bedrohung durch Dealer auf Grund von offenen Schulden zu entkommen.

Toro, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale, 030 Kino, berlin
Blick über die Schulter. Paul Wollin und Judith Jakob in "Toro".

Toro dagegen geht mit seinem Geld ganz anders um: Er nimmt keine Drogen und es ist ihm wichtig, dass auch sein Freund Victor ihm versichert, damit aufzuhören. Entgegen seiner Körperstatur und -haltung, seiner Sprache und seinem Umgang mit Frauen zeigt er sich in seinem eigenen Kosmos zunächst idealistisch und in einigen Bereichen sogar konservativ: Er spart sein Geld in Form von aufgedrehten Geldscheinen in Plastiktüten in seinem Boxsack und besucht regelmäßig in die katholische Kirche. Vielleicht ist es letztlich auch die Angst davor, im christlichen Sinne schuldig zu werden, die ihn dann paradoxerweise zu gewalttätigen Taten führt.

Toro, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale, 030 Kino, berlin
Ein aufgebrachter Paul Wollin in Martin Harwie`s Perspektive Deutsches Kino Beitrag "Toro".

Der Film zeigt viele aus der Filmgeschichte bekannte Motive. Einige werden nur tangiert, so zum Beispiel die Entwicklung der Beziehung zwischen Piotr und seinem Boxschüler. Dessen Geschichte wird leider eher klischeehaft umrahmt (der Bruder sei letztes Jahr gestorben, der Vater Alkoholiker, er benötigt Halt und eine Aufgabe und sieht in Piotr einen Freund und Lehrer). Die Meister-Schüler-Geschichte kann nur angerissen werden und findet neben dem Fokus auf den beiden Protagonisten kaum Raum zur Entwicklung. Diese beiden sind jedoch in ihren Entwicklungen so nah gezeichnet, dass der Film auf jeden Fall sehenswert bleibt. 

Text: Josefine Tegler

Toro

Deutschland 2015

Länge: 84 Min

Regie: Martin Hawie

DarstellerInnen: 

Paul Wollin, Miguel Dagger, Leni Speidel, Kelvin Kilonzo, David Hürten

Perspektive Deutsches Kino

Foto © Brendan Uffelmann/Kunsthochschule für Medien Köln