Einer von uns, Max Ophüls Gewinner, Berlinale, Perspektive Deutsches Kino, 030 Magazin

66. Berlinale: Einer von uns

in Berlinale 2016/Filmkritik

Das Langfilmdebüt “Einer von uns“ von Stephan Richter handelt von den großen Jugendthemen Identität, Freundschaft, Liebe, Anerkennung und der Suche nach einem Abenteuer gegen die Langeweile der Vorstadt vor der Kulisse einer breiter Produktpalette in langen Supermarktregalen.

Traditionell wird am letzten Berlinale Abend der Gewinnerfilm des Max Ophüls Preises gezeigt, welcher auch in diesem Jahr ein berührender und dichter Film ist, der einen die Berlinale Tage zufrieden, aber auch nachdenklich, abschließen lässt. Der Film wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert, bei welcher im Jahre 2009 ein 14-Jähriger bei einem nächtlichen Einbruch in einen Supermarkt in einer kleinen Stadt in Niederösterreich von einem Polizisten erschossen wurde. Diese Tat, aber auch der Ausspruch eines Journalisten „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben“ hatten Stephan Richter so bewegt, dass er sich diese Thema als Grundlage seines Filmes wählte und ihn dem verstorbenen Florian P. widmete. 

Einer von uns, Max Ophüls Gewinner, Berlinale, Perspektive Deutsches Kino, 030 Magazin
Simon Morzé und Jack Hofer in Stephan Richters “Einer von uns“.

Auch der Film spielt in einer Kleinstadt in Österreich. Ein riesiger Supermarkt ist der einzige Ort, an dem sich der 14-jährige Julian mit seinen Freunden treffen kann. Erste Liebe, neue Kumpels, der Wunsch, der Langeweile zu entkommen und der Traum, ein richtiges Abenteuer zu erleben: Julian bricht eines Nachts gemeinsam mit Marko in den Supermarkt ein. Es gibt nur einen kurzen Moment der Rebellion und ein gemeinsames Anstoßen „auf die Freiheit“. Gerade als ein Abenteuer beginnt endet es auch schon wieder auf tragische Weise. „Einer von uns“ beginnt mit einer ähnlichen Szene, mit welcher er den Zuschauer auch zurücklässt: Die sich langsam ausbreitende zähe, blaue Flüssigkeit, diese anstelle von Blut, wird hier eingefangen. 

Einer von uns, Max Ophüls Gewinner, Berlinale, Perspektive Deutsches Kino, 030 Magazin
Andreas Lust hat alles im Blick.

Zentral ist der Supermarkt, der gesamte Film spielt entweder im oder in der unmittelbaren Nähe des Supermarktes. Einerseits lehnen sich die Jugendlichen gegen die Kleinbürgerlichkeit auf, andererseits brauchen sie ihn als Arbeitgeber, aber auch in seiner ursprünglichen Form, um einzukaufen, aber auch um sich dort zu treffen. Immer wieder fängt die Kamera die riesigen Regale und umfangreichen Produktangebote ein.

„Der Supermarkt selbst ist stiller Beobachter und stoischer Protagonist, an dem jegliche menschliche Regung abprallt. Ein klassischer Nicht-Ort, …“. (Stephan Richter)

Der Film kommt den Jugendlichen nah und lässt sie ihre Sprache benutzen und ihre Musik hören. Es gibt nicht nur den einen Protagonisten, sondern jedes Mitglied nimmt in der Gruppe eine wichtige Rolle ein und das Miteinander macht die Dynamik aus. Die Erwachsenen des Films erscheinen meist systemtreu, auch wenn sie selbst in ihrer Rolle auch kaum Erfüllung zu finden scheinen. Es zeigen sich Frust, Einsamkeit, Konsumkritik auf milde Weise und psychodynamische Gruppenprozesse. Die Einteilung in Delinquenten und Exekutive erfolgt nicht, die Grenzen vermischen sich, durch familiäre Bande, aber auch das jeweils grenzüberschreitende Verhalten.

Text: Josefine Tegler

Einer von uns

Österreich 2015

Länge: 86 min.

Regie: Stephan Richter

DarstellerInnen: 

Jack Hofer, Simon Morzé, Christopher Schärf, Dominic Marcus Singer, Andreas Lust

Gewinner des Max Ophüls Preises 2016 

Foto ©: Golden Girls Filmproduktion & Filmservices GmbH