Sampha, Young Turks, Process

Plattenkritiken im Februar

in Musik/Rezensionen

Hip-Hop
Lemur – Die Rache der Tiere

Misanthropie kann Lemur gut und ist obendrein ein Storyteller vor dem Herrn. Der Planet wendet sich gegen uns, die Apokalypse wird weggesoffen und eigentlich hat er selbst gar keine Lust mehr, Mensch zu sein. Das kann auf Langspieldauer etwas deprimierend wirken, schafft es aber, nie zu tief in Pathos oder stiefmütterlicher Sozialkritik zu versinken. Die stimmungsvollen selbstgebauten Beats werden von organischen Drums angetrieben, besuchen mitunter elektronische Gefilde und unterstützen passgenau die charismatische Stimme des Wahlberliner Rappers. (mr)

VÖ: 27.1. / Kreismusik
Erhältlich bei iTunes / Amazon
3,5 von 5 Sternen 
lemur-tiere


Electronic / R&B
Sampha – Process

Als Produzent, Songwriter und Vokalist zierte Sampha die Tracks der Großen – von SBTRKT bis Frank Ocean. Nun schreitet er alleine voran. Vermittelte seine lupenreine Stimme bis dato Ruhe, lernt man ihn auf „Process“ verzweifelter kennen. Schwellende Spannungen werden mit einem langsam widerhallenden Takt, dann mit leichter Elektronik zu kantigem R&B erzeugt. Sein kraftvollster Song ist jedoch eine Pop-Ballade über die Selbstfindung auf der Klavierbank. Mit seinem Debüt findet er jetzt sogar noch mehr: seinen eigenen Platz in der Musikwelt. (ch)

VÖ: 3.02. / Young Turks
Erhältlich bei iTunes / Amazon
4 von 5 Sternen

02_plattenkritik_sampha_process


Dub-Reggae
Thievery Corporation – The Temple of I & I

Gut zwanzig Jahre machen Eric Hilton und Rob Garza schon gemeinsame Sache. Mittlerweile haben sich die zwei DJs und Produzenten aus Washington DC an etlichen weltmusikalischen Sounds abgearbeitet. Von Dub-Reggae über Asian Beats ging’s zuletzt mit dem 2014 erschienenen Album „Saudade“ musikalisch um Brasilien und eine spezifisch portugiesische Form des Weltschmerzes. Das neue, zehnte Album ist eine quirlige Rückbesinnung auf die Wurzeln von Thievery Corporation, bietet einige coole Grooves und bestens aufgelegte MCs im jamaikanischen Spirit. (sg)
 
Vö: 10.2. / ESL Records
Erhältlich bei iTunes / Amazon
3 von 5 Sternen

02_plattenkritik_thievery-coporation


Pop / Post-Rock
Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry

Ode an die Übersättigung. Album Nummer drei widmet das norwegische Indie-Pop-Quintett um Multiinstrumentalist Einar Stray den maximal gefüllten Sinfonien. Auf einer leidenschaftlichen Tour-de-Force geht es von Post-Rock über Neo-Classic zu Progressive-Folk und Electro-Pop. Leere Räume? Fehlanzeige. Kaum stellt sich Eingängigkeit ein, kippen die Songs und werden zu einem sich immer verändernden Hirngespinst. Ein aufregendes Klang-Fest, für das man allerdings viel Ausdauer braucht. Charme und Aufdringlichkeit liegen hier ganz nah beieinander. (ch)

VÖ: 17.2. / Sinnbus
Erhältlich bei iTunes / Amazon
2 1/2 von 5 Sternen

02_review_einar-stray-orechstra-dear-bigotry


Experimental
Peter Silberman – Impermanence

Verlust schafft Bewusstsein. The Antlers-Fontmann Peter Silberman musste diese Erfahrung machen. Nach lauten Shows und stimmlichen Grenzgängen verlor er das ihm Allerheiligste: sein Gehör – gefolgt von einem Tinnitus und der Heilung im Stillen. Seine erste Solo-LP ist Zeugnis dessen. Sanfter kann man seine Gitarre nicht zupfen, flüsternder das Falsetto nicht singen. Intensiver allerdings auch nicht. Jeder noch so leise Ton schlägt punktgenau ins Nervensystem ein. Sechs wunderschön zartgliedrige Songs, in deren Fragilität die wahre Stärke steckt. (ch)

VÖ: 24.2. / Transgressive / [PIAS]
Erhätlich bei iTunes / Amazon
4 von 5 Sternen

02_plattenkritiken_peter-silberman_impermanence


Neo-Soul
Omar – Love in Beats

32 Jahre Karriere und Omar entzieht sich immer noch der Greifbarkeit. Klar, der Stevie Wonder klingt mit, doch im nächsten Moment prallen plötzlich Sprechgesang, Acid und wilde Jazz-Soli aufeinander. Trotz früher Erfolge mit der ersten Single „There is nothing like this“ gelingt es ihm bis heute, im Popgeschäft nicht stattzufinden – durch Kompromisslosigkeit und Glaubwürdigkeit. Platte Nummer Acht klingt deutlicher nach Hip-Hop, Omars Bruder Scratch Professor loopt die Instrumentals. Gen Ende tauchen Afrobeats und Toasting auf. Die Stimme thront über allem. (mr)

VÖ: 27.1. / Peppermint Jami
Erhältlich bei iTunes / Amazon
4 von 5 Sternen

02_plattenkritiken_omar


Britpop
Elbow – Little Fictions

Der Norden Großbritanniens ist ein Nährboden für Kleinstadtkoller und Schulabbrüche, aus denen große Popmusik entsteht. Ein Zimmer in Manchester gemietet, Arbeitslosengeld beantragt, ein paar Flaschen Whiskey kalt gestellt und 10 Jahre später steht das Album. Nirgendwo sonst passen Rock’n’Roll-Lifestyle und Musik zum Kuscheln so ohne Widerspruch zusammen. Elbow klingen im Alter besonders kuschelig. Guy Garvey singt immer noch unter erdrückender Dichte scheinprosaischer Floskeln von der Einsamkeit. Nur wird er inzwischen von Streichern und Glockenspielen begleitet. (mr)

VÖ: 3.2. / Polydor Records
Erhältlich bei iTunes / Amazon
2 von 5 Sternen

elbow-little-fictions


Electronica
V.A. – Watergate Affairs 02

Kein Album. Eher was für DJs. Seit 2008 ist das Clubeigene Label Watergate Records am Start. Beginnend mit der Watergate-Mix-Serie hat man sich seitdem auch als Plattform für Künstlerreleases positioniert. Die 12“-Serie Watergate Affairs, erstmals im Mai 2016 erschienen, legt nun nach. Vier Tracks, die den Sound des Clubs skizzieren. Mit Ruede Hagelstein, Adana Twins, Marco Resmann und Tiefschwarz sind beste Freunde des Hauses vertreten. Gute Vorglühbanger für den privaten DJ-Vodka-RedBull-Mix. (ts)

VÖ: 20.2. / Watergate Records
3,5 von 5 Sterne
02_s36-s37_plattenkritik_watergate-affairs