[030] Filmkritik: Raum

in Filmkritik/Kino/Neustarts

Manchmal reichen eine feinfühlig-intime Geschichte und überzeugende Darsteller aus, um den Zuschauer zu packen und durch ein Wechselbad der Gefühle zu schicken. Auch wenn der nüchterne Titel etwas anderes suggeriert, bietet das Drama „Raum“ alles, was man von einem aufwühlenden Filmerlebnis erwarten darf.

2010 veröffentlichte Emma Donoghue den Roman „Room“, der sich schnell zu einem internationalen Bestseller mauserte. Inspiriert wurde das Buch unter anderem von den Taten des Österreichers Josef Fritzl, der seine Tochter viele Jahre gefangen hielt, missbrauchte und mehrere Kinder mit ihr zeugte. Der Schriftstellerin gelang es allerdings, das reißerische Potenzial ihres Stoffes konsequent auszublenden und stattdessen eine Parabel auf den menschlichen Überlebenswillen und die Kraft der Liebe zu entwerfen. Konserviert wird dieser Ansatz erfreulicherweise auch in Lenny Abrahamsons Leinwandadaption, für die Donoghue selbst das Drehbuch verfasste.

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Oscar-Preisträgerin Brie Larson und Joan Allen in "Raum". © Universal Pictures

Der Film beginnt beinahe ausgelassen mit dem fünften Geburtstag des kleinen Jack (Jacob Tremblay), der zusammen mit seiner Mutter (Brie Larson) – von ihm nur liebevoll „Ma“ genannt – in einem schalldichten Schuppen haust. Joy, so der richtige Name der jungen Frau, wurde als 17-Jährige von einem Psychopathen (Sean Bridgers) entführt, musste sich ihm von Anfang an sexuell hingeben und brachte in der Gefangenschaft ihren Sohn zur Welt. Seitdem ist sie bemüht, Jack vor der grausamen Wahrheit ihres gemeinsamen Lebens abzuschirmen und ihm ein halbwegs normales Aufwachsen zu ermöglichen. Der Junge stellt jedoch immer häufiger Fragen, sodass seine Mutter eines Tages beschließt, einen Fluchtplan in die Tat umzusetzen. Wie die Buchvorlage auch nimmt die Verfilmung die Perspektive des Fünfjährigen ein, der dem Zuschauer gelegentlich über Voice-Over-Kommentare Einblicke in sein Innenleben gewährt. Der Peiniger spielt bloß eine marginale Rolle, weil sich Regie und Drehbuch ganz auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn konzentrieren.

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© Universal Pictures

Brie Larson, die für ihre Leistung verdientermaßen einen Oscar erhielt, und Jungstar Jacob Tremblay bilden ein großartiges Gespann und bringen das Vertrauen, das ihre Figuren verbindet, auf kraftvoll-nuancierte Weise zum Ausdruck. Gekonnt fängt Abrahamson die klaustrophobische Atmosphäre des Gartenverschlages  ein, inszeniert das Gefängnis aber auch wie ein kleines Universum, in dem es für Jack vieles zu entdecken gibt. Da der Junge die Außenwelt nie kennengelernt hat, ist für ihn nur das real, was sich in seiner unmittelbaren Umgebung befindet. Verwundern muss es also nicht, dass er die leblosen Gegenstände im Schuppen wie echte Freunde behandelt. Mit einer großen Wendung in der Mitte des Films weitet sich das thrillerhafte Kammerspiel zu einer psychologischen Studie aus, die deutlich zeigt, dass plötzliche Freiheit bedrückend und verwirrend sein kann. Die Schockerfahrungen beim Vortasten in ein neues Leben werden sorgsam nachgezeichnet. Und „Raum“ erweist sich spätestens hier als eines der ergreifendsten Werke, die im Frühjahr 2016 auf deutschen Leinwänden zu sehen sind.

 

Raum

Länge: 118 Min.

Regie: Lenny Abrahamson

Darsteller: Jacob Tremblay, Brie Larson, Sean Bridgers, Joan Allen, William H. Macy

Kinostart: 17.03.2016