[030] Filmkritik: Jeder stirbt für sich allein

in Filmkritik/Kino

Hans Falladas von Tatsachen inspirierter Roman „Jeder stirbt für sich allein“, der bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen war, avancierte erst vor einigen Jahren zu einem internationalen Bestseller. Ein Erfolg, den die jüngste Verfilmung des Werks wohl nicht wiederholen kann, da Vincent Perez den nach wie vor hochrelevanten Stoff enttäuschend uninspiriert in Szene setzt.

Als die Eheleute Otto (Brendan Gleeson) und Anna Quangel (Emma Thompson) im Jahr 1940 die schreckliche Nachricht erhalten, dass ihr einziger Sohn im Krieg gefallen ist, beginnen sie, ihre Haltung zum Hitler-System zu überdenken. Wut und Trauer führen schließlich dazu, dass sich Otto an den Schreibtisch setzt und regimekritische Postkarten mit pointierten Parolen verfasst, die er gemeinsam mit seiner Frau an unterschiedlichen Orten in Berlin verteilt. Eine kleine, aber beständige Protestaktion, die die NS-Oberen zunehmend beunruhigt. Kommissar Escherich (Daniel Brühl), der die Ermittlungen übernommen hat, erhält Druck von seinen Vorgesetzten und soll ihnen so schnell wie möglich die lästigen Aufrührer präsentieren.

Jeder stirbt für sich allein, Brandon Gleeson
Otto Quangel streut Sand in das Getriebe.

Kritische Reaktionen rief die bei der Berlinale 2016 gezeigte Romanadaption schon deshalb hervor, weil die in Deutschland verortete Geschichte in den Hauptrollen mit internationalen Kinostars besetzt wurde. Was aus vermarktungstechnischer Sicht durchaus einleuchten mag, zieht in der Ausführung zwangsläufig Irritationen nach sich. Während alles Geschriebene auf Deutsch erscheint, sprechen die Protagonisten ein Englisch mit betont teutonischem Akzent, worunter die Glaubwürdigkeit des Films durchaus leidet. Auch wenn man in diesem Fall folglich besser auf die Synchronfassung zurückgreifen sollte, sind damit noch lange nicht alle Probleme bereinigt. Immerhin versäumt es Regisseur Vincent Perez, seinem sorgsam ausgestatteten, optisch um Authentizität bemühten Historiendrama Dringlichkeit und Spannung zu verleihen. Die Quangels, bei denen es sich um reizvolle Charaktere handelt, bleiben etwas farblos. Und das schon in der Vorlage als gesellschaftlicher Mikrokosmos entworfene Wohnhaus der Protagonisten wird von Klischeefiguren bevölkert, die optisch klar in „Gut“ und „Böse“ eingeteilt sind. Die damalige Angst, bespitzelt oder angeschwärzt zu werden, ist greifbar, hätte für ein differenziertes Bild der NS-Zeit allerdings weiter vertieft werden müssen.

Kommissar Escherich hat den Schalk im Nacken.
Kommissar Escherich hat den Schalk im Nacken.
Dynamik und erzählerische Feinheiten lässt auch der Strang rund um den Ermittler Escherich vermissen, der als innerlich zerrissene Person dargestellt wird. Gefangen zwischen Dienstanweisungen und Zweifeln am menschenverachtenden System, schreibt ihm das Drehbuch gegen Ende eine Entwicklung auf den Leib, die leider recht unmotiviert erscheint. Zweifellos hat "Jeder stirbt für sich allein" einige überzeugende Einzelszenen zu bieten. Als eindringlich-erschütternde Widerstandserzählung kann man die holzschnittartig angelegte Bestseller-Verfilmung aber sicher nicht bezeichnen.


Jeder stirbt für sich allein
Länge:
103 Min.
Regie: Vincent Perez
Darsteller: Brendan Gleeson, Emma Thompson, Daniel Brühl
Kinostart: 17.11.2016