[030] Filmkritik: Hannas schlafende Hunde

in Filmkritik/Kino

Nur nicht auffallen, das ist nicht nur das Motto der Familie Berger, es überträgt sich auch auf diesen Film als Werk an sich.

Wir schreiben das Jahr 1967 und befinden uns im oberösterreichischen Wels. Dort sind die Bergers gottesgläubige Katholiken, die jeden Sonntag die Heilige Messe besuchen und sich auch sonst in der Gemeinde engagieren. Zu den Aufgaben der neunjährigen Johanna (Nike Seitz) gehört zum Beispiel das Austragen der Kirchenzeitung. Die einzige, die sich diesem familieninternen Diktum nicht so recht fügen mag, ist Johannas blinde Großmutter Ruth (Hannelore Elsner). Und so kommt das Mädchen bald dahinter, dass mit ihrer Familie irgendetwas nicht zu stimmen scheint.

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Die neunjährige Johanna und ihre Eltern.

Als Zuschauer ahnt man relativ schnell, was das Geheimnis der Bergers ist: Großmutter Ruth ist Jüdin, hat ihren ersten Mann im KZ verloren, danach einen Nazi-Sympathisanten geheiratet und so das „Dritte Reich“ überlebt. Ruths Tochter Katharina (Franziska Weisz) heiratete ebenfalls einen Nichtjuden und so wird aus den Bergers nach außen hin eine ganz normale, katholische Familie, die all die judenfeindlichen Sprüche, die in der Nachkriegszeit von den vielen ehemaligen Nazis mit großer Selbstverständlichkeit weiterhin zumeist unwidersprochen geäußert werden, an sich abperlen lässt – oder dies zumindest versucht. Doch Hanna versteht nicht, warum es schlimm sein soll, eine Jüdin zu sein und weckt durch ihren offenen Umgang mit der verschwiegenen Thematik bald die schlafenden Hunde einer dunklen Vergangenheit.

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Altmeisterin Hannelore Elsner und Jungdarstellerin Nike Seitz.

Regisseur und Drehbuchautor Andreas Gruber hat hier eine kreuzbrave und bitterernste Romanverfilmung abgeliefert, die sich – genau wie zwei der Protagonisten – erst bei den letzten Bildern vor dem Abspann ein wenig Lockerheit zutraut. So kann sein Werk in erster Linie schauspielerisch überzeugen, was vor allem auf die junge Hauptdarstellerin Nike Seitz zutrifft. Ansonsten klebt dieses Nachkriegsdrama zu sehr an seinen Protagonisten und den sich zwischen ihnen abzeichnenden, sehr absehbaren Konflikten. Zwar gelingt es Gruber über die Laufzeit von zwei Stunden recht geschickt, die vertrackt-komplexe Gemengelage einer Zeit, in der die Nazi-Gesinnung unter den Menschen immer noch konsensfähig war, abzubilden und zugleich herauszuarbeiten, mit welchen komplett unterschiedlichen Strategien die drei Frauen verschiedener Generationen sich durch eine sie so misstrauisch beäugende Umwelt zu navigieren versuchen. Das Ergebnis bleibt jedoch ein biederes Betroffenheitsdrama mit dem nicht sehr anregenden Charme, den Filme für den Schulunterricht verbreiten. Schade, denn gerade für diese junge Klientel hätte man sich einen Film gewünscht, der mit etwas mehr Inspiration und Charisma aufzufallen versucht, anstatt sich auf der Leinwand wegzuducken.

Hannas schlafende Hunde

Länge: 120 Min.

Regie: Andreas Gruber

Darsteller: Nike Seitz, Hannelore Elsner, Franziska Weisz

Kinostart: 09.06.2016

Foto ©: epd Film