[030] Filmkritik: Die Kommune

in Filmkritik/Kino

Scheiternde Ideale Ob nun "Die Kommune" tatsächlich als eine Art Fortsetzung von seinem Dogma-Werk "Das Fest" gelesen und verstanden werden kann, wie Regisseur Thomas Vinterberg über die Verwandtschaft seiner beiden Filme meinte, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall arbeitet der mit Preisen hochdekorierte dänische Filmemacher wieder mit seinen Protagonisten Ulrich Thomsen und Trine Dyrholm zusammen. ​

Dyrholm spielt in "Die Kommune" die erfolgreiche Nachrichtensprecherin Anna und Thomsen den Architekten und Hochschul-Dozenten Erik. Die beiden bilden mit ihrer Tochter Freja eine harmonische Familie… und diese soll wachsen! Geplant sind keine weiteren Kinder, sondern eine Wohngemeinschaft mit Freunden. So beschließen es die drei, als Erik sein viel zu großes Elternhaus erbt. Durch das Zusammenleben erhofft sich das Paar frischen Wind für die langjährige Beziehung und neuen Input. Obwohl Erik erst nicht vollkommen überzeugt ist, findet er Gefallen an der Idee, die seine Frau beflügelt. Wenig später wird aus der Vision Realität und das Haus zur Heimat für eine neue große Familie, die sich zwar erst noch finden muss, aber eben auch viel Freude miteinander hat, wenn alle gemeinsam essen, trinken, diskutieren, tanzen und sogar im See Nacktbaden gehen. Die Freunde kosten den neuen Geist der liberalen 70er-Jahre. Kleinigkeiten wie rumliegende Habseligkeiten, ungespültes Geschirr oder offene Bierrechnungen trüben das Miteinander nur für Momente. Einzig Erik wünscht sich mehr der Aufmerksamkeit seiner Frau, die er doch bisher exklusiv genoss. Ganz anders sieht das bei der forschen Emma aus. Die junge, attraktive Studentin macht ihm Avancen und die beiden beginnen eine Affäre. Von da an verlässt "Die Kommune" seine ursprüngliche Richtung, das Haus und seine Bewohnerschaft rückt in den Rang einer Nebenfigur.

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Im Kern des Werks, das bis dahin als Sittenbild der sich wandelnden Gesellschaft taugte, dreht sich alles um das Zerbrechen einer großen Liebe – und einen Mann in seinen Fünfzigern, der den Reizen der deutlich jüngeren Frau nicht widerstehen kann und dafür seine alte Familie auf' Spiel setzt. Vinterberg entwickelt für diese altbekannte Geschichte dank des von ihm konzipierten Kommunen-Settings eine originelle Variante. Er bringt die von Trine Dyrholm wundervolle gespielte Anna, die sich zwar an ihren Mann klammern will, aber eben auch modern und den libertären Vorstellungen entsprechend reagieren möchte, in mehrere innere Konflikte. Sie bietet Erik an, dass die Konkurrentin Emma mit in die WG einziehen solle. Eine Entscheidung, die sie freilich nicht alleine mit ihrem Mann und seiner Geliebten treffen kann, der Hausrat will mitsprechen und mitentscheiden. Vinterberg hat selbst seine Kindheit und Jugend in einer dänischen Kommune verbracht. Viele Elemente, wie die Diskussionen oder auch die permanent trinkenden Erwachsenen, sind ihm bestens vertraut. Trotz des eigentlich schweren Themas gelingt ihm so erst ein unterhaltsames Theaterstück und nun ein durchaus lustiger Film – was seinem Schaffen eine neue Facette hinzufügt. Vinterberg hat das Drama um die verlassene Anna seiner Hauptdarstellerin Trine Dyrholm auf den Leib geschrieben, wie er sagt. Sie dankt es dem Regisseur mit einer mehr als bemerkenswerten, überaus vielschichtigen Leistung. Der Zuschauer liebt diese offene, moderne Frau, die sich der Herausforderung stellt und doch einsehen muss, dass die Ratio und auch wohl konstruierte Weltbilder nicht immer gültig sind. Bei der 66. Berlinale überzeugte die Dänin die Jury, die Dyrholm (u.a. "Das Fest", "In einer besseren Welt") mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin auszeichnete. Text: Denis Demmerle

Die Kommune (OT: "Kollektivet")
Regie: Thomas Vinterberg
DarstellerInnen: Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrøm Hansen, Lars Ranthe
Kinostart: 21. April 2016

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