[030] Comictipp: Catherine Meurisse – Die Leichtigkeit

in Stadtleben

Die ehemalige Charlie Hebdo-Zeichnerin Catherine Meurisse hat ihr Trauma nach dem Anschlag mit einer Graphic Novel verarbeitet. Eine kunstvolle Bewusstseinsanalyse über den Weg zurück in die Leichtigkeit.


Kann Liebeskummer ein Leben retten? Im Falle der Karikaturistin Catherine Meurisse ja. Chatherine arbeitete zehn Jahre bei dem satirischen Wochenblatt und entkommt dem Anschlag am 7. Januar 2015 nur knapp. Nur, weil sie an diesem Morgen vor lauter Herzschmerz zu spät dran ist. Zwölf Kollegen und Freunde fordern die Schüsse. Sie selber überlebt, und kann doch nicht mehr leben. Was bleibt, ist das unendliche Chaos in ihrem Kopf: ein Trauma, unter dem die sie ihr Gedächtnis und ihre Zeichenkunst verliert. Plötzlich fühlt und denkt Catherine: nichts.

© Dargaud / Rita Scaglia
© Catherine Meurisse, Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag, Hamburg 2017

Leben ohne Farben

Nur langsam erwacht sie aus der Ohnmacht. Eindrucksvoll macht sie den Prozess mit ihren Zeichnungen in einem Mix aus prallen Buntaquarellen und reduzierten Schwarz-Weiß-Karikaturen, mal Strip-artig, mal Cartoon-haft, nachspürbar. Alles beginnt mit einer kleinen Figur auf einer weiten Sanddüne. Catherine stellt sich selbst als Karikatur da. Es sind abstrakte Panels, in deren pastelligen Lila- und Grau-Grün-Tönen die Trostlosigkeit lauert. Plötzlich glüht der Strand rot. Unzählige schlichte Federzeichnungen führen anschließend durch den Tag des Attentats und die Wochen unter Personenschutz. Farben warten nur noch da, wo sie für einen kurzen Moment Trost findet: in der Natur.

© Dargaud / Rita Scaglia
© Catherine Meurisse, Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag, Hamburg 2017

Die Macht der Kunst

Doch von Seite zu Seite wird Catherine sichtbar lebendiger. Eine kunsttherapeutische Reise nach Rom verändert schließlich alles – gibt der großen Geschichte nach den vielen kleinen Anekdoten Raum. In der Villa Medici, wo sich die Académie de France à Rome befindet, will sich Catherine durch einen Stendhalschen "Schönheitsschock" heilen. Hier lenkt sie ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schönheit der Künste, um die Tragödie zu verarbeiten und einen neuen Zugang zu ihrem Leben zu finden. Mit Erfolg.

© Dargaud / Rita Scaglia
© Catherine Meurisse, Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag, Hamburg 2017

Eindringlicher Schlussappell

„Ich habe vor, wach zu bleiben, auf das kleinste Anzeichen von Schönheit zu achten, jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt", hält Meurisse am Ende fest. Sie ist wieder mitten im Leben – hat die Mauer der Angst durchbrochen. Mit ihrer berührenden, bisweilen humorvollen Graphic Novel ist ihr ein großer Schritt in Richtung Freiheit gelungen. Doch ihr Buch ist mehr als ein Mittel zur Überwindung persönlicher Trauer. Im Kern steckt ein in Zeiten wie diesen unabdinglicher Appell an uns alle: Lasst uns die Schönheit des Lebens zurückerobern. Recht hat sie.

© Dargaud / Rita Scaglia
© Catherine Meurisse, Die Leichtigkeit, Carlsen Verlag, Hamburg 2017

Catherine Meurisse – Die Leichtigkeit
Carlsen Verlag
136 Seiten, 19,99 Euro

schreibt über Musik und Stadtleben, kann alle Morrissey-Songs auswendig und steht auf verzerrte Gitarre. Interessen: Popkultur, Kunst, Graphic Novels und Musiktheater.